| Briefe gefallener Studenten |
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Bernhard Ritter, cand. theol., Marburg geboren am 11. Januar 1917 in Erlangen, gefallen am 2. September 1941 in Rußland 19. August 1941, früh Wir sind wieder auf dem Marsch, haben vor drei Tagen mit einem lachenden und einem weinenden Auge unseren ruhigen Abschnitt verlassen, der uns ein paar Tage Ruhe gab von dem Tempo der letzten Zeit. Freilich haben wir auch da einige Männer zurücklassen müssen - auf der Rückfahrt kamen 'wir an den Gräbern der beiden Kameraden vorbei, die in meinem Wagen verunglückt sind. Man versteht erst jetzt so richtig, was das heißt: Er liegt an meiner Seite, als wär's ein Stück von mir - das fühlt man ganz unsentimental, wie selbstverständlich, auch wenn man den anderen kaum gekannt hat. Die Gräber bleiben dahinten, und es bleibt etwas von einem selbst dort zurück. Es ist das eines der Geheimnisse, die der Krieg uns lehrt, und es ist alles ganz einfach. - Wohin wird der Krieg uns jetzt verschlagen, wie wird es weitergehen? Wir hoffen, daß bald wieder ein entscheidender Schlag geführt wird und daß wir dabei sind. Heinrich Witt, stud. ing., Stuttgart ,geboren am 6. Januar 1920 in Changsha, China ", verwundet in den Kämpfen vor Moskau, gestorben am 21. Dezember 1941 12. Dezember 1941 [Im Feldlazarett, letzter Brief] Bekam erst heute wieder Papier zum Schreiben. Muß das Schreiben auch erst wieder lernen. Die Hände sind noch ganz ungelenk. Aber sonst geht es, dem Herrn sei Dank, sehr gut. Die Eßlust und der Schlaf sind wiedergekehrt. Den linken Fuß und die Hand kann ich gut wieder bewegen. Beides war lahm. Die Kräfte kehren wieder zurück. Die Operation am Kopf ist gut gelungen. Die Ärzte - sehr feine Menschen - staunen selber über die rasche Heilung. Mit dem nächsten Lazarettzug für liegende Kranke geht es in die Heimat, in ein Reservelazarett. Hoffentlich hält das Tauwetter an, daß der Zug auch fahren kann. Harry Mielert, Dr. phil., Marburg, geboren am 27. Dezember 1912 in Sprottau, Schlesien, gefallen am 15. Dezember 1945 nordwestlich Shlobin 1. Dezember 1943 Niemand als der Beteiligte kann verstehen, was hier vorgeht. Dadurch, mein Liebes, will ich Dich nicht ausschließen von einem» Erleben «, es ist kein Erleben, es ist nur eine furchtbare Tatsache, die man aushalten muß. Ich bin gejagt worden, wie man nur ein ganz waidwundes Tier jagt, habe fünf Stunden im Sumpf gesessen, in eiskaltem Wasser bis zum Leib, unter dauerndem Beschuß voll Panzern, die mir und einer kleinen Gruppe von Männern dorthin nicht folgen konnten, bis die Nacht hereinbrach. Wir hatten Kameraden befreien wollen, die schon elend umgekommen waren. Wir mußten in der Nacht den Sumpf durchqueren, gerieten vor der eigenen Linie noch in deutsches Feuer und sind nun wieder beim alten Haufen. Es ist hier ein erbittertes Ringen im Gange, von dem niemand etwas weiß. Wenn die Kameraden so fallen oder verwundet werden, wundere ich mich immer und frage: wann ich? oder wofür mich der liebe Gott aufbewahrt? Ich suche den Sinn und gebe ihn, - indem ich mir der Menschlichkeit dieser Sinngebung bewußt bin, aber auch diese Menschlichkeit als von Gott erschaffen anerkenne -, daß ich dies alles erleben soll und in mir durcharbeiten. Ich soll später etwas über dies Geschehen sagen, vielleicht nicht über den Krieg, aber über das menschliche Wesen, das in diesem Krieg hervortritt. 9. Dezember 1943 [Letzter Brief] Das Schlachtfeld erregt stets von neuem ein Schaudern in mir. Ich mag die Toten und das spritzende, strömende Blut nicht mehr sehen. Aber ich muß daneben ausharren wo einer, dem man dies zur Aufgabe gemacht hat. Du hast einmal wunderbar gesagt, daß uns das beiderseitige Alleinsein ja wiederum zu Gemeinsamen macht. Du ist ein tiefes Erleben, dies Über-die-Ferne-hinweg-einander Zuneigen und Suchen. Der Ring ist offen in zwei Teilen, aber beide Hälften sind einander so zugeneigt, daß es die Ferne ist, die ihn trennt und schließt. Wir werden ihn wieder schließen, wenn die nächste prüfende Zeit über uns hinweg gegangen sein wird. Joachim Bannes, Lektor, Heidelberg geboren am 24. Januar 1906 in Breslau, gefallen am 6. März 1944 in Monte Fortino, Oberitalien 25.Februar 1944, Norditalien [Das Testament, für seine Kinder bestimmt] Wir leben in einer Zeit, in der ich damit rechnen muß, daß Gott mich vorzeitig von Euch trennt, nur dem Leibe, nicht dem Geiste nach. Meine Liebe wird immer bei Euch allen bleiben, und wir werden uns wiedersehen. Jetzt seid Ihr noch so klein, daß Ihr meine Worte nicht verstehen könnt. Aber sollte ich vor Euch schweigen, die Ihr alle Zeit meinem Herzen nahe seid? Ihr gehört zu mir und was mich trifft, trifft auch Euch. Darum schreibe ich Euch diesen Brief. Die Mutter wird ihn Euch später geben, und Ihr werdet ihn lesen, und Eure Herzen werden mir antworten, Haltet die katholische Religion in Ehren, studiert sie, lernt sie lieben und versucht, nach ihr zu leben, wie Eure Eltern und Großeltern. Ich habe erfahren, daß die Menschen, die die Kirche mißachten, sie nicht verstehen, weil sie sich keine Zeit dazu nehmen, sie kennenzulernen. Um in das Wesen des Christentums einzudringen, muß man sich beständig darum bemühen. Ich glaube, daß unter allen Bemühungen, die das Leben uns auferlegt, diese die bei weitem würdigste und wichtigste ist. Wenn Ihr Euch dauernd darum bemüht nach dem Glauben zu leben, und zwar nur dann, werdet Ihr allmählich auch seine Früchte kennenlernen: . Wahrheit; innere Freiheit, Friede und Freude, die nicht von dieser Welt sind. Lernt von der Natur! In ihr offenbart sich der Wille Gottes in größerer Schrift als in der menschlichen Geschichte. Erwandert Euch ein wahres Verhältnis zu Wald und Feld, zu Gebirge und Meer. Ich rate Euch, von Zeit zu Zeit auch des nachts unter freiem Himmel zu wachen. Geht mit Tieren und Pflanzen! Laßt Euch nicht von irgendwelchen Menschen überreden, die Euch Euer Vaterlandabschwätzen wollen. Ihr seid Deutsche; Ihr wurzelt im deutschen Lande und Volke. Eure Art zu denken, Welt und Menschen anzusehen, ist die deutsche Art. Die Schätze der deutschen Kultur sind Eure Schätze. Davon lebt Ihr. Hütet sie! Pflegt die deutsche Philosophie, deutsche Musik, Baukunst, Bildhauerei, Malerei, deutsche Dichtung je nach Vermögen und Gelegenheit. Vor allem pflegt die deutsche Sprache und geht behutsam mit ihr um. Sie ist das kostbarste Instrument des deutschen Geistes und doch am meisten der Gewissenlosigkeit der Menschen ausgesetzt. Haltet Euch fern vom deutschen Dünkel. Das deutsche Volk hat, wie jedes andere, Schwächen und Fehler. Jedes Volk hat, wie jeder einzelne Mensch, einen eigenen Auftrag Gottes in der Schöpfung zu erfüllen. Es gibt Länder und Völker, die glücklicher sind als wir, und die auf verschiedenen Kulturgebieten mehr geleistet haben oder mehr leisten. Achtet sie alle und lernt von allen, besonders von den Völkern unserer europäischen Völkerfamilie. Bittet Gott um einen guten Freund! Ohne Freunde ist das Leben viel schwerer und mehr Gefahren ausgesetzt. Gute Freunde gehören zu den seltenen Kostbarkeiten des Lebens, Wenn Ihr frühzeitig unter Euren Gefährten einen findet, der Euch besonderes Vertrauen einflößt, so dankt Gott für diese. Begegnung. Seht ihn Euch an und laßt Eure Mutter ihn ansehen. Geht seinen Interessen nach, seht ihn im Verkehr mit seinen Eltern und Geschwistern, arbeitet mit ihm, wandert mit ihm, und wenn er sich Eures Vertrauens würdig zeigt, öffnet ihm mehr und mehr Euer Herz, hört seinen Rat an und erwidert ihm Gleiches mit Gleichem. Haltet ihm die Treue und trennt Euch nicht von ihm, denn Ihr werdet schwerlich einen zweiten solchen finden. Laßt Euch in der Einrichtung Eures Lebens und in grundlegenden Entscheidungen niemals von äußeren Interessen leiten. »Der Mensch ist auf Erden, um Gott zu erkennen, ihn zu lieben, ihm zu dienen und dadurch in den Himmel zu kommen.« Diese Lehre unserer Religion muß Euch zum leitenden Grundsatz werden. Die Welt vergeht. Gott und die Seele bleiben. Danach richtet Euch. Ihr müßt Euch nach dem lieben Gott ausstrecken und ihm Jahr um Jahr entgegenwachsen. Davon hängt Euer Glück ab. Besonders jagt nicht dem Gelde nach, das den Menschen so oft um seine Ruhe und alle wahren Lebenswerte betrügt. Ich habe viele Arme gesehen, die zufrieden und glücklich waren. Vielleicht werdet Ihr es manchmal schwer haben, weil ich Euch keinen Reichtum hinterlasse. Seid mir darum nicht böse, liebe Kinder! Was ich Euch hinterlasse, ist mehr wert als Geld. Ich habe stets gearbeitet, aber das Geldverdienen habe ich nie verstanden. Ich empfehle Euch die Armut als meine gute Freundin, die mir immer treu geblieben ist. Liebe Kinder! Seid geduldig! Übt Euch im Ertragen von allerlei Entbehrungen, Ungerechtigkeiten, Verachturigen. Denn davon ist die Welt voll. Die Unvollkommenheit ist unsere Mutter, Sorgen sind unsere tägliche Speise, die uns stark macht. Schmerz, Not, Kummer, Trübsal, nehmt sie in Eure Arme und tragt sie gern. Seht auf den Heiland. Gott ist so gut! Hunderttausend Mal in meinem Leben habe ich es erfahren. Ihm sei Lob und Dank! Im Frühjahr 1944 wurde Joachim Bannes durch ein Kommando von sieben Partisanen niedergeschossen. Nach Aussagen Gefangener hatte man ihn in der Nacht in das abgelegene MonteFortino gebracht und auf einer Pritsche liegen lassen. Beim Verlassen des Hauses sagte er »Jesu juva!« Auf dem Richtplatz kniete er zum Gebet nieder. Nachdem er sich erhoben hatte,. rief er noch »Evviva Germania«. Seine Kameraden fanden ihn später in der Kirche von Monte Fortino auf den Stufen des Altares, wo ihn die Partisanen nach der Erschießung hingebracht hatten. Bernhard Beckering, Assessor, Berlin, geboren am 9. Juli 1907 in Deutsch-Wilmersdorf, gefallen am 25. Januar 1945 bei Oos in der Eifel Posen, 5. April 1942 Wir können mit unserem eigenen Glück nicht warten, bis die Welt im Lot ist - wer lebt so lange? Der Tod geht immer da, durch Seuchen, Hungersnöte, Katastrophen, Kriege; und vor ihm geht die Sorge und die Angst und das Leid und die Feindseligkeit. Da bleibt uns nichts anderes, als uns für alles wappnen, um notfalls auch mit allem fertig zu werden - bei uns und bei anderen. Kraft, Liebe und Güte sind die schöpferischen Elemente, die wir nie genug pflegen können. Westfront, 16. Januar 1945 Es ist ein dauerndes Abschiednehmen. Die Götter verlassen mich. Ich verstehe erschreckend, wie für Hölderlins Empedokles das Erlebnis der Gottverlassenheit zentrales Problem ist. Westfront. In der Eifel, 22. Januar 1945 [Letzter Brief] Gestern habe ich mit meinen Kameraden die erste Hälfte vom „Faust“ gelesen. Drei Exemplare hatte ich zusammengebracht, jetzt haben wir sogar vier davon. Ich weiß noch nicht, wie die Kameraden es aufnehmen, aber sie sind bei der Sache. Heute abend kommt die zweite Hälfte. Wir leben in wundervoller Schneelandschaft. Vorgestern standen vier Hirsche vor der Tür. - Die Nachrichten vom Osten werden Dich gewiß erschrecken. Aber ich lasse mich nicht beunruhigen. Wenn Du mir nur gesund bist. Stärker sein als alles was kommt, wie schien dies möglich, damals, als wir noch nicht ahnten, woher das Schicksal kommen würde. * Ein Kamerad an die Gattin Es kamen die nächsten Einschläge, die uns zwangen, in einem Hause Deckung zu suchen. Nach zwei bis drei Minuten war die Gefahr vorbei und wir liefen zur Straße. Dort, drei Meter vom Haus, eineinhalb Meter neben dem Bombentrichter, lag still und unbeweglich unser lieber Herr Leutnant. Unsere letzte Hoffnung, er sei nur verwundet, verflog, als ich seine Augen sah. Seine Heben, gütigen Augen waren gebrochen, ich konnte sie nur noch schließen. Ein Bombensplitter war am linken Schulterblatt eingedrungen und aus der rechten Brustseite ausgetreten. Ihr Gatte hat den schnellen Heldentod erlitten, den er vorausgeahnt hatte I Drei Tage vorher haben wir noch alle zusammen den »Faust« gelesen, er selbst, auf dem Höhepunkt seines Lebens, sprach den» Faust« und begeisterte und ergriff uns tief. Neben ihm im Schnee fand ich ein Buchsbaumblättlein, wohl von einem Zweig, den Sie ihm gebrochen hatten. Schlußworte der Gedenkrede Bernhard Beckerings für seinen Freund Harald Eckert, gefallen am 22. Januar 1942 Schloß Elmau, 18. März 1944 Wenn wir an unsere heutige Lage denken, - glauben wir, daß nach dem Kriege der Friede beständig sein wird, daß die Menschen besser sein werden, die Einsicht größer und die Wahrheit näher? Nichts von alledem: der Sieger wird Zeichen von Übermut, Willkür und Nachlässigkeit zeigen. Die nachkommende Generation wird, unbekümmert um das Blut ihrer Väter, die Leiden ihrer Mütter, lachend und harmlos die Welt neu erobern wollen und nicht ahnen, auf welch schmerzlichem Grunde die Sicherheit ihres Daseins ruht. Ja, es müßte keine Jugend sein, wenn sie nicht Lust hätte, mit allem, was wir geschaffen, einmal recht nach Herzenslust aufzuräumen, um nun endlich die einzig menschenwürdige vollkommene Welt aufzubauen. Irdisches und ewiges Denken durchdringen und verwirren sich in unseren Betrachtungen häufig. Es ist, als seien zwei Bilder auf eine Leinwand übereinander gemalt. Unser Blick sieht einmal die Zusammenhänge des einen Bildes, dann wieder die des anderen, ohne daß eine widerspruchslose Verschmelzung möglich wäre. Das Bild des Irdischen zeigt die Jugend, den Erfolg, den Fortschritt, das Geld, die brutale Kraft, ein blasses rauschhaftes Glück, für das wir schwer bezahlen müssen, Vergänglichkeit und Verfall und die Trostlosigkeit des Alters. Das Bild des Ewigen zeigt die wahren Werte, die unabhängig sind von Lebensalter und Erfolg: die Liebe, die Treue, die Wahrheit, die Echtheit, die Möglichkeit zu tiefstem Vertrauen. Das irdische Bild zeigt die grellen Farben der Propaganda, die Aufdringlichkeit des Beweisbaren, den Hochmut der Skepsis und die Siegesfahnen des Erfolges. Das Bild des Ewigen aber hat für den hellsichtig Gewordenen eine eigene, unbeweisbare, aber um so überzeugendere Leuchtkraft und verhält sich zu dem anderen Bild wie die Sonne zu einer Grubenlampe. In dem Versuch, dieses Geheimnisses ansichtig zu werden - auch wenn es ewig Geheimnis bleibt und bleiben muß -, gewinnen wir die Möglichkeit eines Vertrauens zum Leben, das seinem Wesen nach mit christlicher Gläubigkeit eine eigentümliche Verwandtschaft hat. Dieses Vertrauen besagt: daß ein aus göttlichen Kräften gelebtes Leben in einem andern Reiche nicht verloren und vergessen ist, auch wenn es uns gänzlich unzugänglich bleibt, wie dies geschieht. Es besagt ferner: daß wir uns unserem eigenen Grund am meisten nähern, wo wir in Demut, Verehrung und Liebe das Göttliche am andern Menschen zu finden suchen. |
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