| Briefe gefallener Studenten - Bernhard Beckering |
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Bernhard Beckering, Assessor, Berlin, geboren am 9. Juli 1907 in Deutsch-Wilmersdorf, gefallen am 25. Januar 1945 bei Oos in der Eifel Posen, 5. April 1942 Wir können mit unserem eigenen Glück nicht warten, bis die Welt im Lot ist - wer lebt so lange? Der Tod geht immer da, durch Seuchen, Hungersnöte, Katastrophen, Kriege; und vor ihm geht die Sorge und die Angst und das Leid und die Feindseligkeit. Da bleibt uns nichts anderes, als uns für alles wappnen, um notfalls auch mit allem fertig zu werden - bei uns und bei anderen. Kraft, Liebe und Güte sind die schöpferischen Elemente, die wir nie genug pflegen können. Westfront, 16. Januar 1945 Es ist ein dauerndes Abschiednehmen. Die Götter verlassen mich. Ich verstehe erschreckend, wie für Hölderlins Empedokles das Erlebnis der Gottverlassenheit zentrales Problem ist. Westfront. In der Eifel, 22. Januar 1945 [Letzter Brief] Gestern habe ich mit meinen Kameraden die erste Hälfte vom „Faust“ gelesen. Drei Exemplare hatte ich zusammengebracht, jetzt haben wir sogar vier davon. Ich weiß noch nicht, wie die Kameraden es aufnehmen, aber sie sind bei der Sache. Heute abend kommt die zweite Hälfte. Wir leben in wundervoller Schneelandschaft. Vorgestern standen vier Hirsche vor der Tür. - Die Nachrichten vom Osten werden Dich gewiß erschrecken. Aber ich lasse mich nicht beunruhigen. Wenn Du mir nur gesund bist. Stärker sein als alles was kommt, wie schien dies möglich, damals, als wir noch nicht ahnten, woher das Schicksal kommen würde. * Ein Kamerad an die Gattin Es kamen die nächsten Einschläge, die uns zwangen, in einem Hause Deckung zu suchen. Nach zwei bis drei Minuten war die Gefahr vorbei und wir liefen zur Straße. Dort, drei Meter vom Haus, eineinhalb Meter neben dem Bombentrichter, lag still und unbeweglich unser lieber Herr Leutnant. Unsere letzte Hoffnung, er sei nur verwundet, verflog, als ich seine Augen sah. Seine Heben, gütigen Augen waren gebrochen, ich konnte sie nur noch schließen. Ein Bombensplitter war am linken Schulterblatt eingedrungen und aus der rechten Brustseite ausgetreten. Ihr Gatte hat den schnellen Heldentod erlitten, den er vorausgeahnt hatte I Drei Tage vorher haben wir noch alle zusammen den »Faust« gelesen, er selbst, auf dem Höhepunkt seines Lebens, sprach den» Faust« und begeisterte und ergriff uns tief. Neben ihm im Schnee fand ich ein Buchsbaumblättlein, wohl von einem Zweig, den Sie ihm gebrochen hatten. Schlußworte der Gedenkrede Bernhard Beckerings für seinen Freund Harald Eckert, gefallen am 22. Januar 1942 Schloß Elmau, 18. März 1944 Wenn wir an unsere heutige Lage denken, - glauben wir, daß nach dem Kriege der Friede beständig sein wird, daß die Menschen besser sein werden, die Einsicht größer und die Wahrheit näher? Nichts von alledem: der Sieger wird Zeichen von Übermut, Willkür und Nachlässigkeit zeigen. Die nachkommende Generation wird, unbekümmert um das Blut ihrer Väter, die Leiden ihrer Mütter, lachend und harmlos die Welt neu erobern wollen und nicht ahnen, auf welch schmerzlichem Grunde die Sicherheit ihres Daseins ruht. Ja, es müßte keine Jugend sein, wenn sie nicht Lust hätte, mit allem, was wir geschaffen, einmal recht nach Herzenslust aufzuräumen, um nun endlich die einzig menschenwürdige vollkommene Welt aufzubauen. Irdisches und ewiges Denken durchdringen und verwirren sich in unseren Betrachtungen häufig. Es ist, als seien zwei Bilder auf eine Leinwand übereinander gemalt. Unser Blick sieht einmal die Zusammenhänge des einen Bildes, dann wieder die des anderen, ohne daß eine widerspruchslose Verschmelzung möglich wäre. Das Bild des Irdischen zeigt die Jugend, den Erfolg, den Fortschritt, das Geld, die brutale Kraft, ein blasses rauschhaftes Glück, für das wir schwer bezahlen müssen, Vergänglichkeit und Verfall und die Trostlosigkeit des Alters. Das Bild des Ewigen zeigt die wahren Werte, die unabhängig sind von Lebensalter und Erfolg: die Liebe, die Treue, die Wahrheit, die Echtheit, die Möglichkeit zu tiefstem Vertrauen. Das irdische Bild zeigt die grellen Farben der Propaganda, die Aufdringlichkeit des Beweisbaren, den Hochmut der Skepsis und die Siegesfahnen des Erfolges. Das Bild des Ewigen aber hat für den hellsichtig Gewordenen eine eigene, unbeweisbare, aber um so überzeugendere Leuchtkraft und verhält sich zu dem anderen Bild wie die Sonne zu einer Grubenlampe. In dem Versuch, dieses Geheimnisses ansichtig zu werden - auch wenn es ewig Geheimnis bleibt und bleiben muß -, gewinnen wir die Möglichkeit eines Vertrauens zum Leben, das seinem Wesen nach mit christlicher Gläubigkeit eine eigentümliche Verwandtschaft hat. Dieses Vertrauen besagt: daß ein aus göttlichen Kräften gelebtes Leben in einem andern Reiche nicht verloren und vergessen ist, auch wenn es uns gänzlich unzugänglich bleibt, wie dies geschieht. Es besagt ferner: daß wir uns unserem eigenen Grund am meisten nähern, wo wir in Demut, Verehrung und Liebe das Göttliche am andern Menschen zu finden suchen. |
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