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Die Entwicklung in Deutschland

Wie verhält es sich jetzt mit Deutschland? Die Geschichte unseres Volkes lässt sich an der Geschichte unserer Hymnen ablesen. Während die anderen europäischen Völker sich kontinuierlich zum Nationalstaat entwickelten, blieb es Deutschland verwehrt, Nation und Staat zu verbinden. Die Staaten und Staatsformen wechseln sich bei uns ab und mit ihnen die „National“-Hymnen.

Die ersten allgemein verbreiteten Hymnen sind die Huldigungslieder auf den jeweiligen Kaiser. Erst mit der Rheinkrise von 1840 erwacht nach den Befreiungskriegen wieder der Geist des Volkes und drückt sich in kämpferischen Liedern aus, die in ganz Deutschland gesungen werden. „Die Wacht am Rhein“ und das „Rheinlied“ sind das ganze 19. und bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts die inoffiziellen Hymnen des deutschen Volkes. Jedes Kind kennt sie und wichtiger: jedes Kind singt sie und glaubt sie. Die Hymne ist ein gesungenes Bekenntnis, das die Herzen der Menschen anspricht.

Die Monarchien und mit ihnen die Huldigung an den Herrscher fallen weg, aber diese inoffiziellen Lieder behaupten sich. 1919 erklärt der sozialdemokratische Reichspräsident Ebert das Deutschlandlied sogar zur Nationalhymne. So zerstritten die Republik von Weimar auch war, in ihrer Hymne zumindest war das Volk geeint.

Anders in Österreich: Bis 1929 dominiert die Staatsauffassung der Sozialdemokraten und mit ihnen die Rennerhymne; mit der Änderung der Bundesverfassung kommt nicht nur ein autoritärer Zug in den Staat, auch die Hymne wird politisch korrekt (hier also christlich-sozial-ständisch) ersetzt. Fortan spielt man in Österreich wieder die alte Haydnmelodie, aber je nach Belieben singen die einen dazu „Sei gesegnet ohne Ende“, andere „Gott erhalte“ und wieder andere „Deutschland, Deutschland, über alles“. Genau darin spiegelt sich die Zerrissenheit der Ersten Republik.

Die Machtergreifung der Faschisten bringt wieder Änderungen. Im Deutschen Reich werden die beiden letzten Strophen des Deutschlandliedes nicht mehr gesungen. Recht und Freiheit waren nicht mehr gefragt. Das Regime ergänzt die Hymne dafür durch das Horst-Wessel Lied. Auch in Österreich tritt neben die eigentliche Hymne ein neu geschaffenes Lied für den ermordeten BK Dollfuß. Beide Ergänzungen sind Toten (Martyrern der Sache) und ihrem Vermächtnis gewidmet, beide sprechen von der neuen Zeit. Während aber das Dollfußlied mehr defensiven Charakter trägt, spricht aus Wessel der Wille zur ; Veränderung.

Mit dem Zweiten Weltkrieg kommt der Untergang des selbständigen Deutschlands und die Hymen werden erst einmal verboten. Der Versuch, eine ganz neue Hymne zu schaffen, scheitert in der BRD und das Deutschland Lied wird wieder zur Hymne erklärt. Aber weder 1949 noch 1991 geschieht dies durch ein Gesetz, Bundeskanzler und Bundespräsident einigen sich darauf im Zuge eines Briefwechsels. Galten aber unter Adenauer und Heuss noch alle drei Strophen des Liedes, erklärten Kohl und Weizsäcker nur die dritte Strophe zur Hymne der BRD. Das lässt freilich Rückschlüsse auf das Selbst– und Geschichtsverständnis der Bundesrepublik zu, wie überhaupt der Umgang mit Hymnen viel über die Staaten verrät.

Die DDR erhält mit „Auferstanden aus Ruinen“ eine neue Hymne, die ihr aber bald schon unheimlich wird und deren Text nach 1972 nicht mehr gesungen werden darf. Er wird sogar aus den Schulbüchern entfernt. Was aus einem Land wird, dass seine eigene Hymne verschämt versteckt, hat uns schließlich die Geschichte gezeigt.

In Österreich ist die neue Bundeshymne zwar nicht unwidersprochen, aber sie erfreut sich bald einer gewissen Popularität. Die neue „Nation“ scheint auch ein neues Lied zu brauchen.



 

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